Schnellkritik: Werder Bremen – Dynamo Dresden 1:1

Eine Schnellkritik zu den Leistungen der Werder-Profis beim Testspiel gegen Dynamo Dresden am 30. Juli 2016. Die Bremer Taktik war ein 4-1-4-1, das Spiel endete 1:1, ein insgesamt gerechtes Ergebnis in einem sehr mittelmäßigen Testspiel. Dann gab es noch ein Elfmeterschießen, das aber nichts zum Bewertung beiträgt.

Drobny: Soweit solide. Dass er mir in letzter Insanz immer etwas unsicher erscheint, ist wahrscheinlich subjektive Wahrnehung. Jedenfalls ließ er auf jeden Wackler auch gleich wieder eine Parade folgen – und spielte zu Null. In Halbzeit zwei sogar Kapitän.

Gebre Selassie (bis 46.): Prima, dass Theo mal Kapitän sein durfte, das freut mich für ihn. Machte seine Sache wie gewohnt ordentlich, vor allem in der Defensive. Nach vorne darf da ruhig noch mehr kommen.

Moisander (bis 46.): Ein bisschen lethargisch manchmal, aber das ist wahrscheinlich die finnische Ruhe, die sein Spiel prägt. Kann ich noch wenig zu sagen.

Diagne (bis 67.): Auffällig starker Zweikämpfer, der das Leder in Ballnähe eigentlich immer erobert und viele aussichtsreiche Szenen der Dresdner zu nichte gemacht hat. Gefällt soweit, auch wenn ich über Stellungsspiel und Einbidung noch nicht so viel sagen kann.

Sternberg: Sternberg spielt immer wie Sternberg, das schrieb ich schon so oft. Einsatz ist da, Selbstvertrauen auch (da frag ich mich manchmal, woher der das nimmt), leider kommt vor allem offensiv aber fast nichts bei rum aus seinen zahlreichen Aktionen. Dennoch ordentlich.

Petsos: Ist mir kaum aufgefallen als „Sechser“, irgendwie blass, kein gutes Passspiel, immer mal leichte Probleme, wenn auch keine dramatischen Fehler. Aktuell wohl er niemand, der sich für einen Stammplatz aufdrängt, was aber auch nicht sooo schlimm ist für einen Neuzugang.

Yatabaré (bis 46.): Muss immer wieder rechts draußen an, wirkt da immer etwas fehlbesetzt. Foult immer noch zu viel und zu offenkundig, bleibt aber dennoch für mich ein hochinteressanter Spieler. Gegen Dresden habe ich aber wenig Argumente, diese Einschätzung zu belegen.

M. Eggestein: Sehr präsent in der Zentrale, spielfreudig, zackig und technisch gut und sogar gefährlich! Das sah sehr gut aus, viele tolle Ansätze, ein dickes Lob von meiner Seite, vor allem für die Leistung in Halbzeit eins. Da will wohl einer der berühmten nächsten Schritt machen!

U. Garcia: Ich gebe zu, Uli als Spieler noch nicht verstanden zu haben. Als „Achter“ irgendwie kombinatorisch zu schwach, zu viele Fehlpässe, etwas zu hektisch und mit manchmal deplatzierter Dynamik. Vielleicht besser auf anderen Position, wo er aber aktuell offenbar nicht benötigt wird.

Kainz (bis 71.): Alle sagen ja immer, dass der richtig gut kicken kann. Das glaube ich auch, so richtig viel davon gab’s gegen Dynamo aber nicht zu sehen. Immrhin Ansätze wie ein gutes Dribbling und einen Lattenschuss. Aber auch hier gilt natürlich: Ein Neuzugang hat Zeit, da muss nicht immer gleich alles passen.

Thy (bis 71.): Tja. Auffällig, wie wenig präsent er im gegnerischen Strafraum ist, steht bei nahezu allen Hereingaben hinter dem Gegenspieler oder kommt etwas zu spät. In der Rolle als Pizarro-Ersatz bereitet er mir eher Sorgen, dafür bleibt er noch zu viel schuldig. Kein Gewinner der Vorbereitung.

Guwara (ab 46.): Spielt ja eigentlich auf der falschen Seite als Linksfuß, besonders viel sagen kann ich dazu aber nicht. Defensiv sehr aufmerksam (besonders in der Schlussphase), nach vorne kaum aktiv.

Fröde (ab 46.): Ich schrieb bereits, dass Fröde mit seiner Vielseitigkeit für Werder ein Faktor sein kann. In den Defensiv-Rollen gefällt er mich auch ganz ordentlich, seine Sache als Innenverteidiger neben Diagne machte solide, dann patzte er allerdings heftig vor dem Dresdener 1:0 in der 81. Minute, als er einen langen Ball direkt vor die gegnerischen Füße „klärte“ und so für eine Unterzahlsituation sorgte.

Hajrovic (ab 46.): Nicht schlecht sein Auftritt, deutlich besser als vieles, was ich bisher von ihm gesehen habe. Toll seine Vorarbeit bei Kainz‘ Lattenschuss, insgesamt mit gutem Tempo in den Aktionen.

Veljkovic (ab 67.): Ich finde ja, dass sich Velkovic und Fröde die Rolle als vierter Innenverteidiger durchaus teilen könnten und dass man einen Galvev-Weggang dann intern kompensieren könnte. Aber das ist eine andere Geschichte. Veljkovic, der bislang eher im Mittelfeld eingesetzt wurde, durfte gegen Dresden auch mal in der Viererkette ran – vielleicht ja wirklich ein Test in Sachen Galvez? Vielleicht aber auch nur ein ganz normaler Wechsel in einem Testspiel. Inhaltlich nicht zu bewerten.

J. Eggestein (ab 71.): Kam so spät, da will ich nun wirklich nix mehr drüber schreiben. Muss ich aber: Er schoss das Tor, irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Lorenzen (ab 71.): Kam erst, als das Spiel endgültig kaputtgewechselt war. Daher nicht zu bewerten. Für mich weiterhin der Top-Kandidat auf eine Ausleihe vor dem Saisonstart.

 

Im Fokus: Das Werder-Mittelfeld

Geht man davon aus – und das kann man aktuell wohl tun – dass Werder Bremen mit einer 4-1-4-1-Taktik in die neue Bundesliga-Saison geht, sind fünf Mittelfeld-Plätze zu besetzen. Drei davon sind zentral, zwei außen, alle mit jeweiles spezifischen Anforderungen und alle mit reichlich Aspiranten. Neuzugänge, Talente, Reservisten und Platzhirsche kämpfen um die Plätze – ein kleiner Stand der Dinge nach drei Wochen Saisonvorbereitung.

Mittelfeld zentral

Für die „Sechs“ im 4-1-4-1-System hat Skripnik vor allem drei Optionen: Bargfrede, Grillitsch, Petsos. Eine vierte könnte Yatabaré werden, den ich eigentlich eher im zentralen Bereich sehe, als auf der Außenbahn (wo er letzte Saison wohl auch als Mangel an Option gespielt hat). Zu Petsos kann ich sehr wenig sagen, der leider verletzte Bargfrede ist für mich immer eine Option, Grillitsch ist es allemal auch.

Das ist eine passable Auswahl, die durch Leute wie Fröde, Kleinheisler, Fritz, Veljkovic noch erweitert werden könnte, auch sind die Spielertypen eher unterschiedlich (mal strategisch, mal dynamisch, mal kampfstark), da kann Skripnik sicher ordentlich arbeiten und seine Ausrichtung auch am Gegner anpassen.

Für die beiden „Achter“-Rollen hat der Trainer ebenfalls Optionen. Leider fällt Kleinheisler etwas länger aus, den hatten spätestens seit seiner starken Euro 2016 sicher viele Werder-Fans als möglichen Shootingstar auf der Liste. Fritz und Junuzovic sind die Platzhirsche der vergangenen Saison, an ihnen führt auch aktuell kaum ein Weg vorbei. Aber: Die Alternativen sind durchaus da. Gerne würde ich auch mal Yatabaré (von dem ich persönlich einiges erwarte) und Grillitsch (von dem ich ohnehin ein großer Fan bin) zentral offensiv spielen sehen, gerne auch gemeinsam. Ich glaube, da würde einiges gehen, besonders ein Trio Grillitsch/Yatabare/Fritz(oder Junuzovic) regt bei mir die Fantasie an.

Nicht zu vergessen: Maxi Eggestein und Uli Garcia sind ebenfalls Optionen, spielten zumindest zu Beginn der Vorbereitung nebeneinander als Achter im „B-Team“. Beide sollte man zumindest im Hinterkopf haben, ihnen traue ich durchaus eine Rolle zu, auch wenn ich sie aktuell eher als „Joker“ im Hintergrund sehe, die noch nicht in der Lage sind, Fritz oder Junuzovic ernsthaft aus der ersten Elf zu verdrängen. Das hätte ich letzte Saison aber wohl auch über Grillitsch gesagt, das sollte man also nicht zu stark werten. Maxi Eggenstein jedenfalls halte ich für einen ganz interessanten Kandidaten.

Mittelfeld außen

An Bartels führt kein Weg vorbei, der ist inzwischen ein absoluter Schlüsselspieler in der Bremer Offensive. Seine Form wird enorm wichtig sein für Werders Saisonverlauf, das wage ich mal zu behaupten. Neuzugang Kainz dürfte ebenfalls einer für die Startelf sein und eine gewissen Vertrauensvorschuss vom Trainerteam bekommen, was ja auch richtig so ist. Wäre heute Saisonstart, würden die beide wohl die „Flügelzange“ bilden.

Und dahinter? Neuzugang Eilers, der die Fantasie der Werder-Fans wohl mehr anregen dürfte als jeder andere Profi im Kader, ist verletzt, verpasste beide Trainingslager, was nicht nur sehr schade, sondern auch sportlich richtig  bitter ist. Eilers kommt mit riesigem Selbstvertrauen nach Bremen (und das haben da aktuell nicht viele) und hat das Zeug dazu, eine positive Überraschung zu werden. Jetzt erschwert sich das ganze durch Trainingspause und -rückstand.

Bleibt noch Hajrovic, den ich einfach nicht verstehe als Kicker, oder Talent Lorenzen. Aber der hat auch weite Teile der Vorbereitung verpasst. Gilt natürlich auch für Yatabaré – die Situation auf den Flügeln ist also nicht gerade optimal, zumal man Kainz vielleicht etwas Zeit geben sollte, sich an Team und Liga zu gewöhnen.

Fazit

Sind alle Kandidaten fit, hat Skripnik eine ordentlich Auswahl und durchaus interessante Optionen für offensive und defensive Besetzungen der Zentrale. Leider sind in der Vorbereitung aber (zu) viele Leute angeschlagen, in Reha oder Dauerverletzt, was man nun für normal oder auch für bedenklich halten kann. Ich glaube, dass Werder eigentlich alle Optionen braucht und dazu ein gutes Händchen bei der wöchentlichen Startelf-Auswahl. Sonst wird es schnell ganz eng. Dazu ist es notwendig, dass neben den etablierten Fritz, Junuzovic und Grillitsch (ja, den zähle ich schon jetzt dazu) noch weitere Profis den nächsten Schritt machen. Da baue ich vor allem auf Yatabaré als Achter oder Sechser oder aber auf Kleinheisler, wenn er denn wieder fit wird. Nut wenn das alles halbwegs passt, wird Werder Bremen funktionieren – im Mittelfeld und in der Bundesliga-Tabelle.

Meinung mit begrenzter Reichweite

Neulich las ich wieder so einen Satz*: „Skripnik-Kritik langweilt mich.“ Wer das schreibt, und sowas schreiben wir alle wahrscheinlich immer mal zwischendurch, bringt ja eine bestimmte Haltung zum Ausdruck. Dass er sehr zufrieden auf seiner Position sitzt, weil er nämlich weiß,  was richtig und falsch ist – in diesem Fall bei Werder Bremen. Und dass er es sich leisten kann, eine ganze Gruppe von andersmeinenden Menschen von vornherein als komplett irrelevant auszuklammern und zu diskreditieren. Oder sie von der Richtigkeit seiner eigenen Meinung zu überzeugen.

Das ist zunächst einmal eine sehr gute Möglichkeit der Komplexitätsreduktion, weder strafbar noch verwerflich. Strukturell sind in diesem Fall Skripnik-Fans und Skripnik-Gegner sehr ähnlich, inhaltlich natürlich höchst unterschiedlich. Für mich ist das keine brauchbare Position, sie erschließt sich mir nicht. Ich bin gegen jedes Hardlinertum, weil es keinerlei moderates Verhalten mehr zulässt. Und hüte mich vor diesen Menschen, besonders wenn sie mal wieder auf Kreuzzug quer durchs Internet sind, weil sich da ja soviel andere Meinungen tummeln.

Ich bin Fan von Werder Bremen, was ersteimal nur bedeutet, dass mich der Verein massiv interessiert, anders als andere Vereine und Dinge auf der Welt. Ich beschäftige mich viel mit Werder, war jahrelang berufsbedingt näher dran, was aber längst nicht alles, was ich denke und mal aufschreibe zu Insiderinformationen oder zu besonders wertvollen Beiträgen macht. Im Grunde ist das alles nur eine Meinung, eine Sicht, die man teilen oder ablehnen, oder (wird empfohlen!) einfach ignorieren kann. Man ist jedenfalls allgemein gut beraten, die Reichweite und Sinnhaftigkeit der eigenen Meinung halbwegs realistisch (oder mit etwas Demut) einschätzen zu können.

Als Fan von Werder betrachte ich also diesen Verein mit seinen Personen und seinem Handeln und denke mir mal „Oha“ und mal „Toll“ und mal „Verstehe ich nicht“. Was man eben so denkt über die Dinge der Welt. Insofern ist es für mich ganz normal, etwas zu kritisieren oder zu loben oder manchmal auch beides zeitgleich, zeigt es doch nur mein Interesse und den Umgang mit dem Thema Werder Bremen. Bislang bin ich ohne Pauschal-Position gut ausgekommen und ich bin zuversichtlich, damit noch eine Weile gut zu fahren. Für die Art und Weise meiner Kritik bin ich persönlich verantwortlich. Und glaube, da allgemein im Rahmen zu bleiben.

Aber generell: Wenn Führungspersonal ein Millionen-Unternehmen an den Rande des Abgrunds führt, halte ich es für durchaus gängig, mal etwas zu hinterfragen und ja, vielleicht sogar zu kritisieren (die Ergebnisse können dann natürlich variieren). Bei der Deutschen Bank wäre das z.B. total normal und auch gesamtgesellschaftlich unumstritten, bei Fußballvereinen hingegen ist das schwieriger. Als Journalist, der nah dran ist und durch die Bank gute Informationen hat, fängt man sich da gerne mal den Ruf des „Netzbeschmutzers“ ein, Kritik ist dann immer „Hetze“ und „Kampagne“ und, na klar, immer irgendwie persönlich motiviert. Und ahnunglos sind da ja sowieso immer. Gelebter Lügenpresse-Vorwurf: Da hat der Redakteur noch ein Hühnchen mit dem Trainer zu rupfen, darum will er ihn aus dem Amt schreiben. Oder er denkt sich einfach mal etwas aus. Es ist ganz erstaunlich, wie weit man mit derartigem Unfug kommt, besonders im Lager der Skripnik-Fans (beruflicher Erfahrungswert) und nicht nur irgendwo in den Untiefen des WWW. Diskussionen sind dann immer furchtbar fruchtlos, weil die Felle ja schon längst verteilt, die Meinungen gebildet sind.

Skripnik-Fans haben ihre Argumente, Skripnik-Gegner auch. Beide sind halbwegs nachvollziehbar und der gesunde Menschenverstand bastelt sich daraus eine lebbare Mischung. Inhaltlich will ich da nicht näher drauf eingehen, da ist jeder Fan individuell gefordert und für sein Werk dann verantwortlich. Es gibt auch keine Auflösung im nächsten Heft. Der einfachste Weg der Meinungsbildung ist natürlich immer der, sich auf eine Pauschal-Position zurückzuziehen („Kritik langweilt mich!“ oder andersrum „Vereinsbrille mal abziehen!“) und über alle hinwegzusehen, die es anders meinen.

Fakt ist, dass Skripnik Werder-Trainer ist und das Team in die neue Saison führen wird. Also ist Skripnik weiter Gegenstand meines Interesses und meiner Beobachtung. Ich bin mir ganz sicher, dass ich – wie bisher auch – gute und schlechte Dinge entdecken werde, dass ich manches verstehen und vieles nicht verstehen werde. Und dass vieles, was ich sehe, gar nichts mit Skripnik zu tun hat, sondern vielleicht mit Kohfeldt oder Frings oder Baumann oder dem lieben Gott. Und all das wird immer meine Beobachtung bleiben, meine Meinung. Darum heißt der Blog hier ja auch „Ich & Werder Bremen“ und nicht etwa gewagt „Werder Bremen & Ich“. Das macht einen Unterschied, einen grundlegenden sogar: Nämlich die Frage danach, wie man sich selbst in die Geschichte hereinschreibt,  die man hier veranstaltet.

Ich könnte das jetzt auch alles über Eichin oder Baumann oder sonstwen schreiben, Skripnik ist nur aus aktuellem Anlass das Thema. Ich halte es aber immer für grundfalsch, den Fokus zu sehr auf Einzelpersonen zu richten. Sonst sind wir ganz schnell wieder bei der alten Geschichte: „Den Jürgen L. Born hätten die niemals gehen lassen dürfen….“ Erfolgsgeschichten zum Selberbasteln, die ganz einfache Lösung.

Um das nochmal klarzustellen: Ich weiß nicht, ob Skripnik ein toller Trainer ist oder ein mittelmäßiger oder ein schlechter. Ich habe keine Ahnung, mit welchem anderen Trainer Werder auch nur einen Punkt mehr holen würde als mit Skripnik. Ich habe als Fan Meinungen zu Dingen, die bei Werder passieren. Meinungen wohlgemerkt. Die Entscheidungen trifft Werder Bremen. Bislang wurden diese Gott sei Dank nicht mit mir abgesprochen. Das kann gerne auch so bleiben.

Ich freue mich jedenfalls über ein möglichst großes Spektrum an Meinungen zu Werder Bremen, auch wenn ich viele, ja sogar die meisten davon gar nicht teile. Stört mich aber nicht, kann ich gut mit leben. Im Zweifelsfall wird dann einfach ignoriert – oder man verpulvert seine Kraft dann doch in sinnlosen Facebook-Debatten, weil man dann eben manchmal nicht anders kann.

*Ich empfehle übrigens die „Neulich“-Kolumnen von Andreas Maier, nachzulesen z.B. im Buch „Onkel J.“. War aber Zufall, dass ich den Text so begonnen habe. Naja, halb.

VSG Altglienicke – Werder Bremen 1:2

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Izet Hajrovic lässt sich kurz nach seinem Tor feiern

In aller Kürze, weil ein erstes Testspiel nicht mehr braucht.

1. Taktik

In Halbzeit eins ein klares 4-1-4-1. Kainz hielt seine Position auf dem Flügel konsequent, Bartels startete immer mal wieder ins Zentrum. In Halbzeit zwei dann ebenfalls eine 4-1-4-1-Grundordnung, wobei Thy sehr oft als zweiter Stürmer neben Johannes Eggestein auftauchte.  Wahrscheinlich, weil Thy vom Typ her kein Linksaußen ist. (Update: Weil es Nachfragen gibt: Man kann das auch ein 4-4-2 nennen, wobei Thy dann gegen den Ball – Altglienicke hatte jetzt auch nicht sooo viel Ballbesitz – links einrückte. In diesem Fall muss man dann aber sagen, dass Hajrovic auf rechts klassisch am Flügel klebte, während U. Garcia auf links deutlich mehr in die Mitte rückte. Jedenfalls deutlich variabler in in HZ1.).

2. Auffälligkeiten

Sternberg hat auch als Rechtsverteidiger Probleme mit der Ballannahme und -behandlung, Fröde ist im offensiven Mittelfeld sehr falsch aufgehoben, könnte wegen seiner Vielseitigkeit für Bremen auch noch eine Rolle spielen. Guwara und U. Garcia mit ordenlicher Dynamik, für Johannes Eggestein ist der Weg noch weit. Kainz ist offenbar der Mann für die Standards (zumindest in Junuzovics Abwesenheit), das sah ganz ordentlich aus. Alejandro Galvez war in HZ2 Kapitän, bleibt aber für mich ein Wechselkandidat.

3. Und sonst?

Torschütze ist nicht gleich Gewinner des Spiels: Hajrovic mit einem seltsamen Auftritt insgesamt, der Torschuss zum 2:1 war im Grunde seine einzige brauchbare Aktion (siehe auch Eder im EM-Finale). Ansonsten will ich dieses lust- und kraft- und tempolose Spiel gar nicht als Grundlage für irgendetwas benutzen. War schön, Werder Bremen mal wieder live zu sehen, auch wenn ich glaube, dass es eine harte Saison wird (ewtas, was ich aber auch schon vor dem Spiel geglaubt habe).

VSG Altglienicke – Werder Bremen 1:2 (0:1)

Werder HZ1: Zetterer – Sternberg, Diagne, Caldirola, S. Garcia – Veljkovic – Bartels, Fritz, Fröde, Kainz – Pizarro

Werder HZ2: Oelschlägel – Sternberg, Galvez, Fröde, Guwara – Veljkovic – Hajrovic, M. Eggestein, U. Garcia, Thy – J. Eggestein

Tore: 1:0 Diagne, 1:1 Stüwe, 2:1 Hajrovic

Keine Angst vorm Potential!

Jetzt hat er es schon wieder gemacht. Frank Baumann hat schon wieder zwei Spieler verkauft, Nummer zehn und Nummer elf seit Amtsübernahme vor wenigen Wochen, wie ich gelesen (aber nicht nachgezählt) habe. Zwei Bremer weg, und ja!, zwei echte Bremer. Der eine, Özkan Yildirim, ist Anfang 20, ist aber schon seit knapp 40 Jahren im Verein. Der andere, Julian von Haacke, wurde im oder zumindest mit Blick aufs Weserstadion geboren. Hat im Viertel, DEM Viertel in Bremen gelebt und gewirkt! Wie kann man die beiden gehen lassen? Jemand zu Hause, Herr Baumann?

Das ist natürlich Populismus, was ich da hingeschrieben haben, sogar echter Quatsch, aber das ist nun mal mein Blog und mir soll ja niemand übermäßige Seriösität unterstellen können. Wo ich diesen obligatorischen Disclaimer jetzt schon früher als sonst im Textverlauf untergebracht habe, kann ich ja nun etwas sachlicher werden.

Ich habe heute, in der Folge der beiden Transfers (wobei natürlich nur einer von beiden ein Transfer ist, weil Yildirim ja ablösefrei nach Vertragsende bei einem neuen Klub unterschreibt), sehr oft vom „Potential“ gelesen. Dass die beiden davon so viel haben, oder zumindest einer von beiden, oder beide zumindest ein wenig. Und ich selber habe das auch gesagt und sogar geschrieben bei Twitter, weil man da kostenlos alles schreiben kann, bis man vielleicht mal dafür verklagt wird und sich dann abmeldet. Aber, um es mal griffig zu bekommen: Wer Potential sagt, hat noch nichts gesagt. Und Potential darf niemals ein Grund sein, eine Entscheidung nicht zu treffen.

Ich bin kein Scout auf Bundesliga-Niveau, dafür aber im Grunde ein Menschenfreund. Ich glaube, dass nahezu jeder Jung-Kicker, der irgendwo einen Profivertrag unteschreibt, Potential hat, jedenfalls sehr viel mehr Potential als viele, viele, viele andere Jungkicker. Das wir allemal für Yildirim und von Haacke gelten. Ich hätte beide gerne öfter in Aktion gesehen, für Werder auf dem Rasen, aber das gab es halt nicht, aus Gründen. Verletzungen war einer. Aber auch die schnöde Tatsache, dass immer nur elf Spieler auf dem Rasen stehen dürfen und man die Bundesliga-Spiele dann am Ende auch noch möglichst gewinnen sollte, um nicht abzusteigen.

Ich habe mich ja schon an anderer Stelle darüber amüsiert, dass inzwischen kei, Kleonn Verein mehr einen Spieler vor Vollendung seines 25. Lebensjahres transferieren darf, ohne gleich unter Generalverdacht zu stehen, gerade das größte Juwel der Klubgeschichte verkannt und verscherbelt zu haben. Ich nenne es, heruntergebrochen auf Werder Bremen, mal griffig den „Kruse schlägt Trybull“-Effekt. Und natürlich kann es sein, dass von Haacke oder Yildirim jetzt jenseits von Bremen total durchstarten. Es wären ihnen zu gönnnen, man könnte sich dann sicher auch ärgern. Aber es ändert absolut nichts dran, dass ein Transfer der beiden in der aktuellen Situation eine ordentliche Entscheidung ist.

Die Transfers sind keine Frage von Potential, sondern von Machbarkeit. Denn Potential ist ja immer potentiell, wenn man es mal so dumm-wortspielerisch ausdrücken will. Man muss es eben „abrufen“ können, dazu braucht es gute Bedingungen und Strukturen, also eine Perspektive. Oder eine „Chance“, wie ich heute auch immer wieder gelesen habe. Beispiel von Haacke: Der hatte doch nie eine Chance! Stimmt soweit, aber das hat vielleicht Gründe. Und ruft er künftig sein Potential ab, als Backup für Kleinheisler, der als Backup für Grillitsch auch nur dann spielt, wenn Fröde keine gute Entwicklung nimmt? Ab welcher Talent-Dichte wird es eigentlich uneffektiv in einem Kader? Wer tut sich damit am Ende noch einen Gefallen?

Wenn mir die Bremer Talentförderung der späten Schaaf/Allofs-Ära und der Folgejahre eines gezeigt hat, dann das: Talentförderung und -entwicklung ist nicht über die bloße Bereitstellung einer möglichst hohen Anzahl von jungen Spielern leistbar. Es bedarf eine Festlegung und einer gezielten Förderung einzelner, ausgewählter Kicker. Diese Entscheidungen muss die sportliche Führung tätigen (und Baumann tut das gerade erfrischend massiv). Dass sie nun Fröde sagt und nicht von Haacke, ist sicher diskutabel, aber es ist nun auch mal Tatsache. Und mir allemal lieber, als gar keine Festlegung und diese vage Hoffnung, dass wahres Talent am Ende schon irgendwie von alleine siegen wird.

Natürlich kann kein Frank Baumann der Welt wissen, ob sich nun Fröde, von Haacke, Kleinheisler oder sonstwer am besten entwickelt. Man kann da schon mal den falschen verkaufen, das passiert. Aber das ist völlig okay, im Grunde. An Talenten mangelt es nicht in Bremen, zumindest quantitativ – die U23 ist voll von jungen Aufsteigern, die sich oben anbieten wollen und können.Interessanter als der Werdegang derer, die mal verkauft wurden, ist doch die Entwicklung der nach wie vor unter Vertrag stehenden Talente. Das war in der Vergangenheit das weit größere Problem.

Und selbst wenn von Haacke nun in Holland aufblühen sollte (was ich durchaus glaube und hoffe und ihm gönne) – warum sollte Werder ihn dann nicht zurückholen können für eine kleine Ablöse? Immerhin ist der Julian ja im Weserstadion geboren! Bis es soweit kommt, kann ich mit den beiden Eggesteins ganz gut leben an der Weser.

(Für den Ausdruck „erfrischend massiv“ möchte ich mich noch entschuldigen – warum schreibe ich sowas überhaupt?)