Transferbilanz: Baumann legt gut vor

31. August, das Transferfenster der Bundesliga ist geschlossen, der Kader von Werder Bremen steht also. 17 Neuzugänge hat es im Sommer gegeben, 15 Spieler haben den Klub verlassen, wurden verkauft oder verliehen. Jede Menge Bewegung also.

Und vorweg: Frank Baumann, der neue Mann in Sachen Kader-Puzzle, hat das gut gemacht. Da wurde Geld eingenommen und gleich wieder investiert. Vor allem im Bereich der Zugänge hat er mich (und wohl auch viele andere Werder-Fans) absolut überrascht. Da wurden schnell Lösungen gefunden (z.B. in der zunächst vakanten Innenverteidigung), die Zugänge haben ein gutes Profil, das macht auf den ersten Blick alles Sinn. Und Max Kruse gab’s noch obendrauf, ebenso wie am Deadline-Day Serge Gnabry. Wie auch immer diese Deals gelaufen sind, mir ist das im Grunde egal, hauptsache die Spieler kicken jetzt in Bremen und können zumindest theoretisch Verstärkungen sein. Wenn sie denn nicht gleich verletzt ausfallen.

In Sachen Abgänge hatte Baumann eigentlich Anfang August verkündet, den Kader deutlich verkleinern zu wollen. Nun ist er eher gewachsen im Vergleich zur Vorsaison. Das war sicher anders geplant, aber kein Vorwurf von mir an Baumann. Verkaufen ist eben schwierig, wenn es für die Spieler keinen passenden Markt gibt. Raphael Wolf und Izet Hajrovic sind sicher die prominentesten und bestverdienenden Beispiele in Sachen Ladenhüter. Aber auch Leute wie Milos Veljkovic, Ulisses Garcia oder Melvyn Lorenzen hatten während der Saisonvorbereitung sicher ganz andere Ambitionen, als dauerhaft das U23-Team in der 3. Liga zu verstärken (oder sogar nur zu ergänzen, wie bei Lorenzen).Und Werder hatte sich auch andere Hoffnungen – und Pläne.

Ich empfinde einen Kader von 36 Mann als viel zu groß für einen Bundesligisten, auf den nur noch 33 Pflichtspiele warten. Aber ich sage auch, dass der zu große Kader am Ende nicht entscheiden wird über Klassenerhalt oder Abstieg. Da gibt es härtere Faktoren. Ich hatte mich lediglich auf eine „ordnende Hand“ von Baumann gefreut und hätte es befürwortet, die Mannschaft klarer zu sortieren. Ich glaube, für Talentförderung ist es effektiver, wenigen Talenten mehr Chancen zu geben, als die ohnehin knappen Einsatzzeiten (Werder hat ja nichts zu verschenken) auf sehr viele potentielle Kandidaten zu verteilen.

Aber gut, das ist nun nicht passiert, wahrscheinlich aus Gründen. Die vielen Verletzungen dürften da eine Rolle gespielt haben, aber auch an der ein oder anderen Stelle ein fehlendes Angebot (oder der Wille des Spielers, sich auf ein solches einzulassen). Ganz normales Bundesliga-Business.

Der Werder-Kader ist trotz der namhaften Abgänge von Anthony Ujah und Jannik Vesteraard nicht schlechter bestückt als im Vorjahr, auch wenn ich nach wie vor Defizite in der Kategorie der „strategischen“ Spieler in der defensiven und offensiven Mittelfeld-Zentrale sehe. Dennoch lässt der Personal die ein oder andere Variante zu, ich denke da durchaus an Dreierkette oder eine neue Mischung im Mittelfeld. Frank Baumann hat jedenfalls ordentlich vorgelegt, wesentlich mehr kann man von einem Klub der Kragenweite Werder Bremen nicht erwarten. Das ist mal locker Note 2 in Transferkunde. Alles weitere ist nun Aufgabe des Trainers. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Die schlimmste Vorbereitung aller Zeiten

Was war das bitte für eine beschissene Vorbereitung von Werder Bremen? Mal ehrlich. Die Leistungen des Teams waren trist und langweilig, die Zeit verging schleppend – einzig Frank Baumann mit seiner durchaus gekonnten Einkaufspolitik konnte für ein bisschen Frohsinn bei Werder Bremen sorgen. Aber das Gefühl blieb stets: Je mehr Baumann in seinem Büro zauberte, um so mehr ging auf das praktischen Ebene schief.

Allein die Verletzungen! Justin Eilers, Philipp Bargfrede, Aron Johannsson als Dauerpatienten, Stammkräfte wie Flo Grillitsch und Santi Garcia auch mehr verletzt als fit. Dazu potentielle Säulen wie Niklas Moisander und Lamine Sane mit großem Rückstand – und schließlich meldeten sich auch noch die Stars Claudio Pizarro und Max Kruse ab. Beide. Das ist für Werder dann die Krönung der ganzen Vorbereitungs-Tortur.

Und dann die Form! Hat sich irgendwer aufgedrängt bei Werder in irgendeinem Vorbereitungsspiel? Ich denke nicht. Die Neuzugänge brauchen allesamt noch Zeit, von Florian Kainz über Moisander und Sane bis zu Lennart Thy. Und Thanos Petsos spielt irgendwie auch noch keine Rolle. Das ist alles nicht so schlimm, ich geben denen allesamt Zeit, aber ich hätte mich auch gefreut, wenn zumindest mal einer (oder zwei) aus der Gruppe der Neuen gleich mal eingeschlagen wären. Positive Überraschungen sind bei Werder ja nicht verboten, auch wenn man das manchmal durchaus denken könnte.

Und die Taktik! Skripnik verwies angesichts der tristen Testkicks stets darauf, man übe gerade Defensivstrukturen ein. Zu sehen war davon in Lotte und München gar nichts. Auch die Standardschwäche, die der Werder-Trainer in der Vorsaison nie in den Griff bekam, wurde mit in die neue Spielzeit gerettet. Die Frage „Was haben die eigentlich in der Vorbereitung trainiert?“ ist natürlich total populistisch, aber mir fallen zunehmend weniger Argumente ein, die als solide Antworten durchgehen. Sehe ich irgendwo Fortschritte, eine Handschrift, eine Entwicklung? Nö. Feels like freier Fall.

Aber erst der Saisonstart! Verloren in Lotte, Arsch voll in München. Peinlich, schlimm, etc. Finde ich auch, finde ich nicht. Im Pokal hätte man durchaus mal weiterkommen dürfen (oder sich beim Ausscheiden zumindest nicht in allen verfügbaren Kategorien blamieren müssen), deutlich mehr ist aber nicht passiert. Auch wenns weh tat. Werders Saison, so sage und schreibe ich seit Wochen, beginnt mit dem Heimspiel gegen den FC Augsburg. Bis dahin beiße ich die Zähne zusammen, anschließend kann ich durchatmen: Die beschissene Vorbereitung ist endgültig vorbei. Dass die Saison dann deutlich besser wird, kann ich nur hoffen – dran zu glauben ist gerade nicht drin.

Skripnik wackelt, Werder fällt

Erstes Spiel, schon Scheiße.

Etwas mehr als dieses prägnante Kurzfazit soll es dann aber schon sein an dieser Stelle zu Werder Bremens Blamage in der ersten Runde des DFB-Pokal beim Drittliga-Aufsteiger Sportfreunde Lotte (1:2).

Keine Frage, die Niederlage ist total verdient und fiel sogar noch sehr knapp aus. Werder war von Beginn an hintendran, machte so ziemlich alles falsch und änderte auch während der gruseligen 90 Minuten nichts am not-running System. Es ist zwar immer eine sehr leichte Sache, den Trainer für eine solche Pleite in die Schuld zu nehmen, für mich war das heute aber leider eine Skripnik-Niederlage.

Seine Idee, taktisch auf ein 4-2-3-1 zu setzen, gibt nicht auf. Denn auf der Doppelsechs spielten in Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic zwei Spieler, die beide keine Sechser sind – und so sah das auch aus. Und vorne drin spielte eigentlich niemand. Lennart Thy sollte den verletzten Claudio Pizarro ersetzen, fand aber zu keinem Zeitpunkt statt, ähnlich wie der dann später für ihn eingewechselte Johannes Eggestein.

Skripnik ließ in der Saisonvorbereitung ein aus der Vorsaison gewohntes 4-1-4-1-System spielen, bis Max Kruse verpflichtet wurde. Verständlicherweise baute er dann um, damit die Stars Kruse und Pizarro gemeinsam ins System passen. Nun, wo Pizarro aber verletzt fehlt, wäre auch eine Rückkehr zum bekannten 4-1-4-1-System möglich gewesen, zumal in Florian Grillitsch (wenn auch zuletzt angeschlagen) und Thanos Petsos gleich zwei Sechser im Kader standen. Skripnik riskierte das 4-2-3-1 und den Einsatz des in der Vorbereitung schwachen Thy. Das Ergebnis ist bekannt.

Während ganz vorne also nichts passierte, ging hinten jede Menge schief. Abstimmungsprobleme in der komplett neu formierten Viererkette waren ja zu erwarten und sind für mich auch gar nicht der große Kritikpunkt (auch wenn Niklas Moisander und Lamine Sane doch etwas viele Unsicherheiten offenbarten), das ist bei Neuzugängen eher normal. Um so erstaunlicher aber, dass Skripnik das noch wackelige Abwehrkonstrukt nicht mit einem absichernden Sechser verstärkte, um für mehr Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Dass auch im Aufbauspiel die ordnende Hand eines zentralen Sechsers sichtbar fehlte, kommt noch hinzu.

Eigentlich lief vom Anpfiff weg alles gegen Werder. Nach zwei Minuten fast schon eine Notbremse von Fritz, nach acht Minuten das erste Gegentor – wieder mal nach einer Standardsituation. Was in der Vorsaison bereits als großer Schwachpunkt erkannt wurde, war auch gegen Lotte auffällig. Eigentlich jede Ecke des Gegner wurde zur Torchance, da stimmte nichts in Bremens Zuordung und Raumaufteilung im Strafraum. Trotz der langen Vorbereitung bleibt der Schwachpunkt zum Pflichtspielstart eklatant – eigentlich wollte Skripnik diese Baustelle angehen.

Erstaunlich auch, dass Skripnik trotz der sichtbaren Probleme – man könnte auch von Überforderung sprechen – seines Teams so wenig von außen coachte. Der komplett indiskutable Sambou Yatabare durfte eine Stunde lang auf dem Rasen bleiben, seine Auswechslung wäre schon nach 30 Minuten angebracht gewesen. Und auch am System änderte der Werder-Trainer nichts, wohl in der Hoffnung, sein Plan würde noch irgendwie aufgehen. Ging er aber nicht. Stattdessen verloren die Spieler reihenweise die Nerven. Fritz hätte fast mit Rot vom Feld gemusst, das holte dann der eigentlich so besonnene Fin Bartels nach – und Moisander hatte ebenfalls großes Glück, nicht auch noch runter zu müssen. So viel Frust nach 70 Minuten Fußball, das verheißt nichts Gutes für das Bremer Team.

Ein bitterer Tag für Werder Bremen, ein ganz bitterer ohne Zweifel. Skripnik bleibt damit angezählt, der Druck wächst weiter. Es bleibt spannend zu sehen, wie das Trainerteam mit der Situation umgeht und welche Spieler womöglich Lösungsmöglichkeiten anbieten. Ich würde Skripnik und Co. einen Befreiungsschlag sehr gönnen, bin aber nach dem Auftritt in Lotte noch etwas skeptischer als zuvor.

Wenn ich irgendwas Positives zum Spiel schreiben müsste, wäre es: Das Zusammenspiel offensiv zwischen Jununoziv und Kruse war immer mal wieder ansehnlich, die beiden passen fußballerisch recht gut zusammen. Allerdings sollte Junuzovic dazu in einer offensiveren Rolle agieren als gegen Lotte. Ich gehe aber mal davon aus, dass die Idee einer Doppelsechs mit Fritz und Juno nach dem Lotte-Debakel ohnehin auf dem Prüfstand steht.

Werder in der Einzelkritik:

Wiedwald: War völlig egal für dieses Spiel, machte eigentlich keine großen Fehler, hielt was zu halten war. Note 3

Gebre Selassie: Wirkte müde, träge, uninspiriert – was man aber über nahezu alle Bremer sagen kann. Note 5

Sane: Ganz schwacher Auftritt, kam beim 0:1 zu spät, strahlte nie Sicherheit aus und hatte riesige Probleme. Note 5,5

Moisander: Schlimmer Fehler gleich zu Beginn, es folgten weitere Unsicherheiten und am Ende eine Aktion, die man durchaus auch als Tätlichkeit auslegen kann. Ganz gruseliger Gesamtauftritt: Note 6

Sternberg: Ich schreibe immer wieder, dass Sternberg eben wie Sternberg spielt, das gilt auch heute wieder. Teilweise hinten desolat, dann aber mal mit mutigen Aktionen nach vorne. Immerhin ein Tor vorbereitet. Note 4,5

Fritz: Keine Ahnung, wann ich den Kapitän zuletzt so desolat gesehen habe. Bekam im Mittelfeld gar nichts in den Griff, musste dauernd foulen und bettelte am Ende fast um seinen Platzverweise. Weil Skripnik ihn auswechselte, blieb ihm zumindest das erspart. Note 6

Grillitsch (eingwechselt): Kam viel zu späte für Fritz, war dann nicht mehr zu benoten. Besonders viel gelungen ist ihm aber auch nicht.

Junuzovic: Tor geköpft, Einsatz gezeigt – aber auf seiner Position insgesamt eine Fehlbesetzung. Wie Fritz sorgte auch er nie für Ordnung im Kontrolle im Mittelfeld. Note 4

Yatabare: Kullertorschuss nach fünf Minuten, dazu Flanken hinters Tor und zu viele stumpfe Fouls in Zweikämpfen. Ein ganz schwacher Auftritt, dem auch das nötige Tempo fehlte. Note 6

Kainz (eingewechselt): Kam für Yatabare, machte seine Sache aber kaum besser. Technische Fehler, kaum Aktionen – der Joker blieb wirkungslos. Note 5

Bartels: Wollte mit dem Kopf durch die Wand, kam aber kaum mal durch mit seinen Harakiri-Offensivaktionen. Ließ sich dann auch noch zu einem Schubser mit Plaztzverweis provozieren. Danke für gar nichts, Fin. Note 6

Kruse: Als Mann fürs Kreative mit passablen Ansätzen, man hat gesehen, dass Kruse kicken kann, Übersicht hat und Ideen entwickelt. Tauchte aber immer mal wieder ab, insgesamt auch nicht überzeugen. Note 4

Thy: Man sah ihn auf dem Aufstellungsbogen. Note 6

J. Eggestein: Als er für Thy ins Spiel kam, hatte Werder eigentlich das Offensivspiel bereits eingestellt. Kein Vorwurf an das Talent, dass die Partie an ihm weitgehend vorbeilief. Nicht zu benoten

Kruse kommt – bitte mal alle kurz freuen!

Nun hat Werder Bremen also tatsächlich Max Kruse geholt. In Zeiten, wo die sonst so an der Weser diskutierten Personalien auf dem Niveau von „Wird Melvyn Lorenzen jetzt ein Jahr ausgeliehen oder nicht?“ liegen, darf man das als Fan schon mal pauschal gut finden. Spieler dieser Preis- und Güteklasse wurden zuletzt auf Märkten verteilt, zu denen Werder seit Jahren (weitgehend selbstverschuldet) keinen Zugang mehr hatte. Umso schöner, sich mal wieder mit einem solchen Thema beschäftigen zu können. Feels like 2009.

Zur Einschätzung des Transfers ist mit dem Satz „Das ist ein Risikotransfer“ alles gesagt. Fast alles, was ich heute dazu las, fand ich recht schlau und irgendwie richtig, erwähnen möchte ich nur mal den Kommentar im Kicker (erstaunlich und lobenswert, wie schnell ausgerechnet der Kicker mit einem Kommentar zu Stelle war), wo eigentlich alles sehr gut zusammengefasst wird.

Mag sein, dass sich Werder da ganz naiv ein echtes Auslaufmodell hat andrehen lassen. Mag sein, dass es jetzt taktisch schwierig wird mit dem 4-1-4-1. Mag aber auch sein, dass Kruse wieder die Kurve kriegt – schließlich reden wir bei ihm über eine (!) nicht so pralle Saison mit einigen Eskapaden und sportlich überschaubaren Auftritten. Ist ja nicht so, als hätte Kruse jetzt jahrelang unterm Radar gespielt oder irgendwo das Tafelsilber geklaut. Für Freunde des Kurzzeitgedächtnisses: Noch im Transfersommer 2015 war er so ziemlich der heißeste Scheiß. Kann also alles sein und passieren, sportlich. Muss man wohl abwarten.

Bis dahin darf ich mich als Fan aber freuen. Und wie! Auf etwas mehr Extrovertiertheit im sonst sehr soliden Werder-Team, auf die ein oder andere Geschichte am Rande, gegen die auch gar nichts einzuwenden habe. Und auf einen Fußballer, der mal mehr Talent mitbringt als der große Rest im Kader. Aber vor allem darüber, dass Werder mal wieder einen Transfer am Limit realisiert hat, was man ihnen nach all den Spar-Jahren kaum noch zugetraut hat. Frank Baumann darf da ruhig mal gelobt werden – um ihn zu kritisieren bleibt sicher noch genug Zeit.

Aber mal ehrlich: Erinnert sich – ohne zu googlen – noch jemand an den letzten Spieler aus dem engeren Dunstkreis der deutschen Nationalmannschaft, der zu Werder Bremen gewechselt ist? Ich nicht, das ist schon lange her, dass Jogi Löw einen Bremer in seinem Handy eingespeichert hat. Das ist natürlich nur ein Nebeneffekt, aber aktuell – Stand heute – kann man ohnehin nur über solche Nebeneffekte sprechen. Der Rest klärt sich im Laufe der Saison. Jetzt darf man ein wenig fabulieren und träumen, von einer Werder-Mannschaft mit mehr Esprit als in den letzten Jahren. Mit Kruse kommt diese Fantasie zumindest bei mir langsam zurück.