Einfache Dinge und schwierige Entscheidungen

Mit neuem (Interims)Trainer und einem 2:1 gegen einen erstaunlich schwachen VfL Wolfsburg meldet sich Werder Bremen am 5. Spieltag also in der Bundesliga-Saison 2016/17 an. Dass der erste Erfolg erst in den Schlussminuten bzw. der Nachspielzeit zustande kam, ist dabei nebensächlich, da noch am Mittwoch ein möglicher Dreier gegen Mainz 05 (1:2) im selben Zeitraum verspielt wurde. So ist Fußball, würde Viktor Skripnik sagen, und damit hätte er mal Recht.

Nouri, zu Wochenbeginn als Skripnik-Nachfolger inthronisiert, tat genau das, was Interimstrainer eben so machen: Er nahm Einfluss auf das Team (wie auch Skripnik damals, als er Robin Dutt beerbte). Konkrete Maßnahmen von Nouri: Die Mannschaft starkreden, formschwache Spieler streichen, Talente reinschmeißen und vor allem die Abläufe vereinfachen. Erst gegen Mainz, nun nochmals verbessert gegen Wolfsburg ließ Nouri sein Werder-Team vor allem einfache Dinge tun. Möglichst konsequent verteidigen, diszipliniert und eher tief gestaffelt stehen, dann schnell umschalten und schauen, was nach vorne so geht. Und es ging durchaus einiges, ganz ohne Hexenwerk.

Der „Trainereffekt“ war bereits gegen Mainz erkennbar, gegen den VfL, der in Bremen sehr schwach auftrat, brachte er dann die ersten Punkte der Saison und eine Art emotionale Trendwende für Mannschaft, Verein und Stadt. Ob das nun reicht, damit Nouri das „Interims“ vor seinem Amt streichen darf? Dafür gibt es sicher Gründe, dagegen aber auch. Sollte man sich als Verein vom Trainereffekt leiten lassen, von den Emotionen im Weserstadion nach dem erlösenden Sieg gegen Wolfsburg? Oder muss eine Trainerentscheidung an anderen Kriterien gemessen werden? Und wenn ja, an welchen? Und hat Nouri diese anderen Kriterien mehr oder weniger als mögliche andere Kandidaten?

Ich kann alle Fragen getrost mit „keine Ahnung“ beantworten – und darf das auch gottseidank, denn ich bin ja kein Entscheider bei Werder Bremen. Gut so, denke ich mir da, denn ich wüsste es nicht, immer diese Entscheidungen, von denen dann sportlich wieder ein paar Jahre abhängen (mal abgesehen vom Glück [Wolfsburg] oder Pech [Mainz]). Man kann Frank Baumann und Co. da nur ein gutes Händchen und das nötige Glück wünschen. Ich halte mich jedenfalls inhaltlich aus den Trainerdebatten raus und mache lieber Alexander Nouri ein dickes Kompliment für seine Arbeit in den letzten sechs Tagen (ohne mich damit in der Trainerfrage zu positionieren). Diese Arbeit kann man bewerten, in Ergebnissen und Eindrücken. Und ich bewerte es sehr positiv. Für Werder Bremen war das ein großer Schritt nach vorne, nicht nur wegen der drei Punkte. Die Mannschaft hat gezeigt, dass trotz der vielen Ausfälle mit ihr zu rechnen ist – im Rahmen der Möglichkeiten, die Vereine wie Werder eben haben. Auf Augenhöhe mit acht bis zehn anderen Bundesligisten. Den Schritt hat Bremen nun, mit einigen Wochen Verspätung, gemacht.

Die Einzelkritik gegen Wolfsburg:

Drobny: Hielt, was zu halten war, was er aber auch halten musste, weil nix Unhaltbares dabei war. Klingt kompliziert, war es aber gar nicht. Eher ein ruhiger Abend. Note 3

Gebre Selassie: Sein mit Abstand bestes Saisonspiel. Den Satz lege ich mit jetzt auf StrgV, denn das gilt für jeden Bremer. Mich freut sein Siegtor sehr, ich mag Theo ja als Typen und als Spieler. Auch sonst eine ordentliche Partie mit erstaunlich viel Offensivdrang. Note 2,5

Veljkovic: Hat mir gut gefallen, auch wenn Wolfsburg ihn jetzt nicht sooo sehr gefordert hat. Schöne kurze Pässe im Spielaufbau, gutes Auge für das Spiel – um Längen besser als Diagne zuletzt. Note 3

Moisander: Sein Kopfball aus sechs Metern in den Bremer Nachthimmel in der Anfangsphase war recht peinlich, ansonten machte der Finne hinten aber einen souveränen Eindruck. Auch er war wie Nebenmann Veljkovic recht passicher im Aufbau, aber auch er hatte kaum mal Druck vom Gegner. Note 3,5

Bauer: Für sein Eigentor gibt es von weder Kritik nach Abzüge in der Note, das kann halt passieren im Fußball. Ansonsten ein solides Spiel auf links. Note 3,5

Grillitsch: So langsam kommt er wieder in Form – und das ist für das Werder-Spiel insgesamt Gold wert. Mit guten Szenen vorne und hinten, gerade im Spielverlauf immer mehr gute Pässe im Aufbau. Weiter so, bitte! Note 2,5

Fritz: Bärenstark im Zweikampf, enorm präsent auf dem Rasen. Leider gibt es ein Manko beim Kapitän: Zu oft folgen nach Ballgewinnen wieder Fehlpässe, zu oft trifft er in aussichtstreichen Situationen die falsche Entscheidung oder spielt einen ungenauen Pass. Heute gegen Wolfsburg auch wieder beobachtbar, aber am Ende nebensächlich. Note 3

Schmidt (eingewechselt für Fritz): Toll, wie Nouri die Youngster ins kalte Bundesliga-Wasser wirft. Und einige davon werden sich sicher freispielen. Seine Ecke führte zum 2:1-Siegtor, der Eckball davor war allerdings ganz schwach – aber so ist das nun mal mit den Talenten. Nicht zu benoten

Junuzovic: Ich bin ja Fan von Juno und glaube, dass Werder nur dann Erfolg haben wird, wenn Juno wieder in Topform kommt. Heute habe ich gesehen, dass es auch anders geht. Junuzovic war eher ein fleißiger und laufstarker Mitläufer, der sich in den Dienst der Mannschaft gestellt hat. Note 3,5

Hajrovic: Seit Nouri den untalentierten Bruder gegen das Original ausgetauscht hat, verstehe ich Hajrovic immer mehr. Ein Tempodribbler, der es gerne mal übertreibt, eigentlich nicht mein Spielertyp, ABER: Solange Werders Offensivstrukturen noch so überschaubar sind wie aktuell, muss es wohl oft über Eins-gegen-Eins-Duelle gehen. Und das ist Hajrovic derzeit eine gute Option, vor seinem Comeback ziehe ich jedenfalls den Hut, auch wenn gegen den VfL mehr schiefging als gelang. Note 3,5

Fröde (eingewechselt für Hajrovic): Durfte  das Siegtor noch auf dem Rasen miterleben. Nicht zu benoten

Gnabry: Überragender Autritt, einmal mehr. Der Junge ist bis oben hin voller Selbstvertrauen und traut sich alles zu – und davon gelingt auch noch sehr viel. Kurbelt an, passt, bringt Tempo und schließt auch noch selber ab. Ist aktuell DER Faktor in Bremens Offensive, schon jetzt nicht mehr wegzudenken. Note 2

Manneh: Ein sehr interessanter Spielertyp. Rieb sich auf, machte jede Menge Meter und war ein stets unangenehmer Gegenspieler für die VfL-Abwehrleute. Sehr ordentlicher Auftritt, noch etwas besser als zuletzt gegen Mainz. Ein Talent mit Perspektive. Note 3

Thy (eingewechselt für Manneh): Sein Hammer zum 1:1 leitete die Wende in der Schlussphase ein, es war sein erstes Bundesliga-Tor überhaupt. Bislang hinterließ Thy überhaupt keinen Eindruck auf mich, heute aber darf und muss er hier auch mal gelobt werden – und sei es nur für sein Tor. Note 3

 

 

Werder erlöst Viktor Skripnik

Nun also doch. Werder Bremen hat am Sonntag nach dem 1:4-Offenbarungseid bei Borussia Mönchengladbach die Leidenszeit von Trainer Viktor Skripnik und seinem Team beendet.

Man habe erkannt, dass blablabla, heißt es in der Pressemitteilung des Vereins. Im Grunde hat man lediglich erkannt, was man monatelang nicht sehen wollte. Wäre Werder mehr Verein als Familie, wäre allen Beteiligten diese unsägliche Phase wohl erspart geblieben.

Aber man muss die Kritik an Skripnik relativieren. Viktor Skripnik ist immer Viktor Skripnik geblieben. Werder hat bekommen, was es eingekauft hat. Im Sommer hätte er Werder um ein Haar in die Zweitklassigkeit geführt, ein Schnitt in der Sommerpause wäre logisch gewesen, aber nicht im Sinne des Vereins. Das ist ja alles längst bekannt, man vertraute Skripnik, verlängerte den Vertrag, ließ ihn einen Kader zusammenstellen und die Vorbereitung absolvieren.

Baumann und Bode massiv angezählt

Skripnik macht so weiter, wie man es aus der Vorsaison kannte. Aber um ihn herum wurde es immer obskurer. Frank Baumann, von Marco Bode als Ersatz für den Skripnik-Kritiker Thomas Eichin installiert, ließ sich nach dem Fehlstart sogar zu der (sorry für die Deutlichkeit) hirnverbrannten Aussage verleiten, Skripnik könne auch die nächsten acht Spiele verlieren und stünde dennoch nicht zur Diskussion. Eine Aussage wie ein Kündigungsgrund aus dem Lehrbuch. Wenn Soldatentreue bei Führungskräften die Vernunft ablöst, darf man da auch mal eingreifen. Dass Baumann wenige Stunde vor der Entlassung Skripniks noch ins TV-Mikro diktierte, man glaube an Skripnik, macht es nicht besser. Ein insgesamt peinliches Tauerspiel.

Noch mehr als Baumann ist aber nun Marco Bode angezählt. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats war es, der Skripnik mit aller Macht im Amt gehalten hat. Bodes Alleingang hat Werder wichtige Monate gekostet und am Ende auch Skripnik nicht geholfen. Es gibt nur Verlierer bei Werder Bremen, ausnahmslos. Ein echtes Führungsdebakel.

Es bleiben nur Verlierer

Was bleibt? Ein Verein, der sich deutschlandweit lächerlich gemacht hat. Ein beschädigter (und sehr symphatischer) Ex-Trainer, der zweifelsohne die Werder-DNA hat, nun aber vielen Fans sehr negativ im Gedächtnis bleiben wird. Ein angezählter neuer Sportdirektor, der zwar behauptet, „alles im Griff“ zu haben, damit aber nur die Fans belustigt. Und ein „starker Mann“ im Hintergrund, der mit Vollgas in die Sackgasse gerast ist – trotz jeder Menge Warnsignale.

Und noch schlimmer: Werder hat es seit dem Last-Minute-Klassenerhalt im Mai geschafft, den Rückhalt der Fans zu verlieren – und das muss man in Bremen erst einmal hinkriegen. Die Mannschaft ist massiv verunsichert, hat keinerlei taktische Ausrichtung, beherrscht kaum Systeme und hat (auch wegen der vielen Verletzten) keine Abstimmung und keine Automatismen.

Jetzt soll Alexander Nouri übernehmen. Ihn in der aktuellen Situation als „Gewinner“ zu bezeichnen, kriege ich auch nicht hin. Sein Job ist alles andere als dankbar, es gibt sehr viele Handicaps im Kampf um den Klassenerhalt. Es gibt eben nur Verlierer.

Skripniks Taktik-Bluff und die Folgen

Werder Bremen bastelt weiter mit aller Kraft am Gesamtkunstwerk Bundesliga-Abstieg. Ein Werk, das schon einst von Thomas Schaaf und Klaus Allofs angelegt wurde und inzwischen diverse Handschriften trägt. Im Sommer wurde die Fertigstellung gerade noch so verschoben, nun wirkt der Anlauf aller Klubverantwortlichen aber so seriös wie nie zuvor.

Der Auftritt der Bremer heute in Mönchengladbach (1:4) war ein selten dagewesenes Ereignis und hinterließ selbst debakelerprobte „Sky“-Experten in der TV-Runde fassungslos. Ganz zu schweigen von den Fans im Stadion oder Leuten wie mir vor dem Fernseher. Was aber ist da eigentlich passiert?

Viktor Skripnik und sein Trainerteam hatten etwa probiert (was ihr gutes Recht ist). Und alles ging ganz höllisch schief, wie man es eigentlich nur als Kinofilmen kennt, die man dann Komödien nennt. Mit Ben Stiller als Clemens Fritz. Skripnik baute sein Team um, verpasste ihm eine neue Taktik – und war dann erster Augenzeuge der eigenen Beerdigung. Live und in Farbe.

Pressing ist gut – wenn man es kann

Werder war gegen Gladbach derart überfordert, dass man mit einem 0:3 nach 21 Minuten noch bestens bedient war. Dass die Gegentore nach Slapstick-Einlagen oder Fehler der allerschlimmsten Kategorie fielen, passte bestens ins Bild und keineswegs Zufall, sondern Ergebnis der komplett verfehlten Aufstellung und Taktik der Bremer. Man mochte kaum noch hinschauen.

Ich sage es mal so: Wenn ich kein Autofahren kann, würde ich mich nicht direkt im Stadtverkehr von Neudehli oder bei 200 km/h auf einer Autobahn ans Steuer setzen. Viktor Skripnik offenbar schon. Denn er verpasste seinem Team eine hochgradig riskate Verteidigungsvariante  mit frühem Pressing und einer extrem hoch stehenden Abwehr – dabei hat Werder schon mit recht risikolosen Abwehrvarianten größtmögliche Probleme. Und was passiert, wenn man das Kind, das nicht laufen kann, tanzen lässt, konnten die sicher sehr erstaunten Zuschauer im Borussia-Park erleben. Es wurde ein Schlachtfest.

Zusätzlich erschwerte Skripnik die Situation noch durch personelle Umstellungen: Der gelernte Außenverteidiger Robert Bauer musste auf die Doppelsechs rücken, neben Clemens Fritz, der ebenfalls kein „Sechser“ ist. Dafür musste Ulisses Garcia, der ewig keine Rolle mehr im Profiteam gespielt hat und in der Vorbereitung stets im zentralen Mittelfeld ran durfte, hinten links verteidigen. Auf einen echten Stürmer wurde gleich mal komplett verzichtet, dabei hatte Aron Johannsson als einer der wenigen Bremer beim 1:2 gegen Augsburg in der Vorwoche noch ordentlich gekickt.Für die vielen verletzten Stammspieler kann das Trainerteam nichts. Für den Umgang mit dem Rest des Teams aber schon.

Eine Baustelle mehr

Und weil Werder offenbar aus Skripniks Sicht noch nicht genug Baustellen hat, gab es noch einen Torwartwechsel. Felix Wiedwald, in dieser Saison bislang nicht überzeugend (und in der letzten insgesamt durchschnittlich) musste auf die Bank und Platz machen für Neuzugang Jaroslaw Drobny. Das ist Skripniks gutes Recht als Trainer, diese Maßnahme zu treffen – aber er muss auch wissen, was er damit auslöst. Für das Spiel war die Personalie freilich komplett egal, Drobny hielt ein paar Bälle wie Wiedwald, kassierte ählich viele Gegentore wie Wiedwald und verschuldete einen Elfmeter, den auch Wiedwald schon mal so verursacht hätte. Und jetzt hat Werder immerhin zwei angezählte Torhüter – und ist keinen Schritt weiter.

Aber zurück zur Bremer Taktik in Gladbach – oder dem, was davon zu sehen war. Sie war im Grunde das, was man im Pokern einen Bluff nennt. Man tut mal so, als sei man zu etwas in der Lage und hofft, dass es irgendwie nicht auffällt. Wenn’s zum Showdown kommt, ist man dann geradezu grotest bloßgestellt. So war es bei Werder. Nur leider war Gladbach davon nicht beeindruckt. Das Bremer „Pressing“ ging dermaßen nach hinten los, weil keine Abstimmung passte und weil kaum ein Spieler individuell ohne grobe Fehler auskam. So lief Werder mutig und unsortiert an und ließ Gladbach nahezu kampflos immer wieder blank vor dem eigenen Tor auftauchen. Selbst einfachste Befreiungsschläge der Gladbacher wurde Dank der Bremer Abwehrleistung zu tödlichen Pässen, wie beim 0:2.

Skripniks Idee, nach den desolaten Defensivleistungen der aktuellen (und weitgehend auch der letzten) Saison, nun noch mehr Risiko zu gehen, mag sich irgendwem erschließen, bei mir ist das nicht der Fall. Die erneut umformierte Defensive war noch fahriger und unsicherer als zuletzt – und das war für mich eigentlich kaum vorstellbar. Aber klar, woher sollen die Spieler Selbstvertrauen haben angesichts der Ergebnisse und Gegentore? Oder Automatismen angesichts der permanenten Umstellungen? Man kann in solchen Situationen mehr Stabilität oder mehr Risiko spielen, das entscheidet der Trainer. Am Ergebnis der Entscheidung muss er sich dann aber auch messen lassen.

Bremen, Nordkorea

Nach 21 Minuten stand es also 0:3, der „Käse war gegessen“, wie Skripnik anschließend sagte. Eine Reaktion von der Seitenlinie blieb aber aus. Weder wurde das Bremer Harakiri taktisch korrigiert (z.B. durch tiefere Stafflung oder eine Umstellung), noch wurde personell auf die Überforderung von Spielern wie Fallou Diagne, Theo Gebre Selassie oder Sambou Yatabare reagiert. Weitere 25 Minuten ließ Skripnik seine Mannschaften auf dem Rasen bluten, erst in der Pause erfolgten dann die nötigen Umstellungen. Mit „Erfolg“, wie Halbzeit zwei zeigte. Werder machte alles anders und vieles besser, auch wenn Gladbach sicher drei Gänge zurückgeschaltet hatte. Und das muss auch klar sein: Halbzeit zwei taugt nicht dazu, Werder für „eine Reaktion“ zu loben. Sie zeigt nur, wie falsch alles in Halbzeit eins war. Und dass Skripnik das genau so erkannt hat. Warum er das so spät korrigierte, ist sein Geheimnis.

Es gibt keine zwei Meinungen zu den Vorfällen in Gladbach. Selbst Frank Baumann musste das totale Taktiversagen nach dem Spiel einräumen, wenn auch erst auf mehrfache Nachfragen von „Sky“-Experte Christoph Metzelder, der sichtliche fassungslos die Fehler in der Bremer Taktik analysierte. Zuletzt hatte Baumann nach der Augsburg-Pleite noch verkündet, man habe „alles im Griff“. Zu einem ähnlichen rhetorischen Glanzlicht brachte es der sehr geschockt wirkende Sportchef dieses Mal nicht. Aus Gründen.

In Bremen überleben Trainer ja so manche Krise, das gilt besonders für Viktor Skripnik, der ja bekanntlich unter dem Schutz der mächtigen Werderaner Baumann und Aufsichtsratschef Marko Bode steht. Aber das Debakel von Mönchengladbach kann eigentlich kein Trainer überleben. Nicht ohne Superkräfte und nicht außerhalb von Nordkorea. Mal sehen, wo sich Werder da selbst verortet.

1:2 gegen den FCA: Werder in der Endlosschleife

Werder Bremen hat verloren. Nix neues, das gilt ja bisher für alle Pflichtspiele der Saison 2016/17, egal ob im Pokal beim Drittligisten, zum Ligastart bei den Über-Bayern oder nun eben im Weserstadion gegen den FC Augsburg. Verdient waren am Ende alle drei Pleiten, auch die bisher bitterste gegen den FCA.

Augsburg war insgesamt einfach das bessere Team in einem Bundesligaspiel, das mit der Note 4 ganz gut bedient war. Der FCA wirkte taktisch besser, war nach vorne gefährlicher und stand hinten sicherer. Bei Werder wurde es eigentlich nur über Serge Gnabry gefährlich, der ein sehr anständiges Debüt zeigte. Ebenfalls ein leichtes Lob an einem schlimmen Tag geht raus an Aron Johannsson, der das ganz vorne ordentlich machte (und noch einen Elfmeter verwandelte).

Schlimm bei Werder: Eine Führung, egal wie glücklich sie auch zustande kommt, gibt dem Team keinerlei Auftrieb oder gar Sicherheit, man wartet als Fan anschließend lediglich auf den zwangsläufigen Ausgleichstreffer. Der fällt, wenn dem Gegner mal spielerisch nichts einfällt, einfach nach Standardsituationen, so auch gegen den FCA. Es war mal wieder eine Ecke, die die Bremer nicht verteidigen konnte. Genau dies hatten Viktor Skripnik und sein Trainerteam in einer messerscharfen Analyse als große Schwäche der Vorsaison ausgemacht, in der Vorbereitung sollte dran gearbeitet werden. Sehen Sie selbst, meine Damen und Herren, wie es heute aussschaut in Sachen Standards.

Ohnehin wirkt Werder defensiv keinen Deut besser als im Vorjahr. Das mag man nun mit  neuem Personal erklären (Dreiviertel der Viererkette sind ausgetauscht worden), meine Kritik richtet sich aber keineswegs nur auf die Abwehrreihe. Insgesamt stimmt die Abstimmung nicht, die Absicherung auch nicht, das wirkt alles wie hangebastelt und hingewurschtelt. Dass große Teile der Saisonvorbereitung in diesen Bereich investiert wurden, ist nicht erkennbar.

Offensiv war das gegen den FCA auch nicht so toll, zu oft fehlten Ideen und Passgenauigkeit. Extrem auffällig war hier Clemens Fritz, der den Ballbesitz sehr oft unfreiwillig beendete und im Spiel nach vorne komplett effektlos blieb – zumindest aus Bremer Sicht. Auch Florian Grillitsch, von mir bekanntlich sehr geschätzt, wirkt aktuell formschwach und unsortiert. Das kann sich Werder aktuell nicht leisten. Es fehlt vor allem an einem starken Spieler in der Zentrale. Es fehlen die Alternativen.

Aus dem Bremer Offenbarungseid mag nun jeder selbst seine Schlüsse ziehen. Hat das Team nicht gekämpft, dem Trainerteam nicht zugehört? Hat der Coach das verbockt, oder der Torwart oder der Schiedsrichter? Die Antworten sind so egal wie das Eckball-Verteidigen für Werder – es geht ohnehin weiter. Mit dem Trainerstab, mit dem Personal, mit den Problemen. Hinein in eine englische Woche mit Gladbach, Mainz und Wolfsburg. Entscheiden Sie selbst, wie Sie das finden. Werder Bremen 2016, das wirkt für mich wie das Werder Bremen der letzten Jahre in der Endlosschleife. Das Murmeltier lässt grüßen.

Die Einzelkritik:

Wiedwald: Ach was weiß ich? Ist ein Torwart schuld, wenn er einen Freistoß genau ins Torwarteck bekommt? Ja, wahrscheinlich schon. Note 4

Gebre Selassie: Mal gut, mal schlecht in der Verteidigung. Und genau das reicht eben nicht, um drei Punkte zu holen. Note 4,5

Sané: Erneut ein schwacher Auftritt. Lässige Pässe, unnötige Foulspiele, ich erkenne da keinerlei Souveränität in den Aktionen des Senegalesen. Note 5

Caldirola: Bitter für Luca, er musste kurz vor Schluss verletzt raus. Und das sah ganz schlimm aus, nach eine ganz langen Pause. Das wäre sehr schade, denn Caldirola war für mich der beste Mann in Bremens Viererkette. Das war vielleicht nicht so schwer, aber er hat’s eben ordentlich gemacht. Gute Besserung. Note 3,5

Bauer: Ganz, ganz schwache erste Halbzeit, da kam er immer zu spät und ließ sich zu oft ausspielen. Dann etwas verbessert, am Ende blieb aber der schwache Eindruck. Note 5,5

Grillitsch: Weder ordnen, noch zweikampfstark, noch offensivstark – leider ein ganz blasser Auftritt der Bremer „Sechs“. Er kann es viel besser – und nur wenn er es besser macht, wird auch Werder besser auftreten. Note 5

Bartels: War kaum im Spiel, sehr unauffällig, insgesamt schwach. Note 5

Fritz: Man mag das für kämpferisch halten, was der Kapitän da macht, ich halte es momentan einfach für fußballerisch unzureichend. Viele Fehlpässe und Ungenauigkeiten, dazu kaum Dynamik und null Gefahr. Note 5

Junuzovic: Holte den Elfmeter gekonnt raus, war aber ansonsten sehr unauffällig. Erstaunlich, dass ein so wichtiger und guter Spieler so wenig eingebunden ist, dass Bälle und Verantwortung in Krisensituationen (und davon gab es viele) nicht bei ihm landen. Mitläufer statt Leistungsträger, wirklich bitter zu sehen. Note 4,5

Gnabry: Sehr ordentliches Debüt auf der Außenbahn. Mit seinen Dribblings leitete er immer wieder gute Szenen ein, auch wenn nich jede Aktion gelang. Ein Werder-Spieler mit Selbstvertrauen – das ist derart selten, das muss man ja schon honorieren. Note 3

Johannsson: Ich halte ja recht vom US-Isländer und wurde in dieser Sicht gegen den FCA halbwegs bestätigt. Gute Aktionen als einzige Spitze, dazu ein souverän verwandelter Elfmeter. Wenn ich mir vorstelle, Johannsson wäre Mittelstürmer in einem spielstarken Team… aber Schluss damit, er spielt bei Werder, aber war heute troztdem einer der Besten. Note 3,5

Hajrovic (eingewechselt): Kam für den müden Johannsson, spielte wie ein sehr müder Johannsson. Dribbelte einmal den Ball ins Seitenaus, weitere Aktionen sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Nicht zu benoten

Thy (eingewechselt): Dass er den weitgehend überforderten Bauer erlöste, war seine beste Aktion. Nicht zu benoten

Petsos (eingewechselt): Hallo Thanos! Jetzt weiß ich wenigstens, dass es dich wirklich gibt. Nicht zu benoten