Werder und Nouri: Zeitspiel als beste Lösung

Es soll also weitergehen mit Alexander Nouri. Laut „Bild“ soll der Noch-Interimstrainer am Sonntag als Cheftrainer bis Saisonende unterschreiben, laut „Weser-Kurier“ soll Nouri zunächst nur bis zum Winter eine Zusage bekommen.

So oder so: Momentan ist es nicht vermittelbar, sich von Nouri zu trennen. Er hat die Bremer wieder zu einer Mannschaft gemacht, diese spielt sogar auf Augenhöhe mit der Konkurrenz, das Publikum steht wieder hinter ihr und Punkte sind inzwischen auch auf dem Konto. Nouri hat (mit seinem Team) binnen weniger Tage gute Arbeit mit sichtbaren Ergebnissen geleistet – und gute Arbeit darf auch belohnt werden.

Ob Nouri nun aber der Mann ist, der Werder perspektivisch zurück zu alter Stärke führt, weiß ich nicht. Und ich habe das Gefühl, dass auch Werders Verantwortliche das nicht wissen und sich da erstaunlich unsicher sind. Für mich daher die logische Konsequenz: Nouri darf zunächst bis zum Winter weitermachen, dann lässt sich ein belastbareres und nüchternes Fazit ziehen. Nicht nur, was den Tabellenstand angeht (am Ende wird jeder Trainer an Punkten gemessen), sondern auch, was Entwicklung der Mannschaft angeht. Auch wenn es sich seit Jahren anders anfühlt, aber Bremen hat immernoch den Anspruch, irgendwie aus diesen Tabellenregion herauszukommen und sich deutlich weiter oben zu etablieren.

Aktuell ist es für die Werder-Verantwortlichen schwierig, eine Trainerentscheidung zu treffen. Alex Nouri nun zur U23 zurückzuschicken, weil man perspektivisch von ihm womöglich nicht überzeugt ist, ist im Grunde unmöglich. Ein neuer Trainer hätte eine große Bürde zum Start, denn Nouri ist bei den Fans beliebt und würde wie ein Geist über dem neuen Trainer schweben. Andererseits haben die Werder-Bosse offenkundig auch die Befürchtung, sich in der aktuellen Situation erneut zu stark von Emotionen leiten zu lassen und die nächste nicht nachhaltige Trainerentscheidung zu treffen. Zur Erinnerung: Der Vertrag mit Viktor Skripnik wurde nach dem Klassenerhalt im Sommer gleich mal verlängert. Da waren sicherlich Emotionen im Spiel – und nicht sehr hilfreich.

Die Lösung, Nouri bis zum Winter die Chance zu geben, hat eigentlich nur Vorteile für den Verein. Werder Bremen kann eine kontigente Entscheidung über die Zeitschiene beantworten, was ja eine gängige Maßnahme ist. Aktuell besteht kein gesteigerter Handlungsbedarf, denn Nouri liefert Punkte und Erfolge, das kann man zumindest kurzfristig so laufen lassen. Und gleichzeitig haben die Werder-Bosse nun Zeit, mit anderen Kandidaten zu sprechen, um am Ende die beste Entscheidung für den Verein zu treffen (welche auch immer das sein mag). Wenn Nouri, der offenbar das Vertrauen der Spieler genießt, weiter so liefert, wird es im Winter ohnehin eine leichte Entscheidung für Frank Baumann und Co.

[UPDATE: Am Sonntag wurde Nouri zum Cheftrainer ernannt – zunächst bis zum Saisonende. Für mich die zweitbeste Lösung in der aktuellen Situation. Nun bin ich mal gespannt, wie er seinen Job erledigt.]

Ergebnis statt Erlebnis

Ein 2:2 im „Kellerduell“ bei Darmstadt 98 – was soll man jetzt davon halten als Fan von Werder Bremen. So schlecht ist es nicht, sage ich mal. Ein Erlebnis war die Partie sicher nicht, das Zuschauen tat phasenweise richtig weh. Am Ende steht aber ein Ergebnis, mit dem man leben kann.

Wer vom Bremer Gastspiel in Darmstadt irgendwas erwartet hat, ist im Grunde selber schuld. Spiele in Darmstadt sind eigentlich nie schön, immer sehr schwierig und für Werder selten erfolgreich. Aus Gründen: Auch heute hatte Bremer wieder gewaltige Probleme mit dem Gegner, wirkte irgendwie nicht gut vorbereitet und taktisch nicht unbedingt auf der Höhe. Vielleicht gibt aber auch der Kader gegen ein Team wie Darmstadt 98 einfach nicht mehr her.

Es war ein echtes Kackspiel. Halbzeit eins aus Bremer Sicht eine Katastrophe ohne echte Chance. Werder reduzierte sich freiwillig auf eine Kampf-Einheit – eine Kategorie, in der man es schwer mit Darmstadt 98 aufnehmen kann. Mentalität ist eben nicht alles im Fußball. Im zweiten Abschnitt wurde dann mehr gespielt, was vor allem an einer Person lag. Serge Gnabry, zur Pause von der Außenbahn ins Zentrum gezogen, riss das Team spielerisch im Alleingang mit, wurde oft schon vom erneut sehr tief agierenden Aufbauspieler Florian Grillitsch sehr früh angespielt, um die Angriffe einzuleiten. Gnabry brachte so mehr Tempo und sogar etwas Kreativität ins Bremer Spiel.

Insgesamt war es aber ein bescheidener Auftritt der Bremer. Was nicht falsch zu verstehen ist: Woher soll Werder auch auf einmal zaubern oder konstant überzeugen? Das zu verlangen oder zu erwarten, wäre ungerecht. Es gab ein paar gute Momente, einen erneut sehr erfreulichen Gnabry, aber auch gewohnte Probleme in den bekannten Bereichen: Dazu gehört nach wie vor das Aufbauspiel und die Offensivkraft im zentralen Zonen. Weder Clemens Fritz, noch Zlatko Junuzovic können hier aktuell überzeugen, gerade defensive Gegner wie Darmstadt zeigen dieses Manko um so deutlicher.

Und was ist nun mit Alexander Nouri, dem Interimstrainer? Der ist seiner Linie treu geblieben, hat voll auf Motivation, aber weniger auf Spielstärke gesetzt (so ließ er den zuletzt formstarken Stürmer Aron Johannsson in Bremen). Das ist okay, am Ergebnis muss er sich dann aber auch messen lassen. Ein Punktgewinn in Darmstadt ist im aktuellen Rahmen der realistischen Erwartungen schon solide, da kann und muss man als Fan mit leben.

So richtig überzeugt hat mich Nouri aber trotz des deutlichen Aufwärtstrends bisher noch nicht, was aber natürlich auch daran liegt, dass ich mit Motivationstrainern nicht so sonderlich viel anfangen kann.Schwer zu sagen, ob Nouri nun „der Richtige“ für Werder Bremen ist und wie er das Team in Zukunft jenseits der Motivationsschiene auf Kurs bringen kann. Darmstadt war für ihn der dritte Test nach Mainz und Wolfsburg – in den ersten beiden hat mir seiner Arbeit besser gefallen. Was aber wohl erwartbar war, denn in Darmstadt kann man eigentlich nichts gewinnen. Ein Kackspiel halt.