2:0 gegen Darmstadt: Mehr als nur Dusel

Kann man wohl jetzt Serie nennen: Werder Bremen gewinnt beim 2:0 gegen Darmstadt 98 sein drittes Pflichtspiel in Folge und unterstreicht nachdrücklich seine Ambitionen, auch in Zukunft an der Fußball-Bundesliga teilnehmen zu wollen. Ein Vorhaben, das ich natürlich sehr begrüße, und die jüngsten neun Punkte fühlen sich richtig gut an. Ob das aber nun eine nachhaltige Entwicklung zum Besseren an der Weser ist, lasse ich mal gewohnt unbeantwortet.

Wer das Spiel in Wolfsburg (2:1 für Werder) gesehen hat, der weiß warum. Wer die erste Hälfte gegen Darmstadt gesehen hat, weiß es erst recht. Man muss ja nicht so laut auf die Pauke hauen wie der Weser-Report („Werder duselt sich wieder zum Sieg“), aber man kommt nicht so recht an der Diagnose vorbei: So richtig stehen die neun Punkte nicht im Verhältnis zu den gezeigten Leistungen.

Formkurve runter, Punktekonto hoch

Um nochmal etwas auszuholen: Seit Alexander Nouri die Werder-Truppe von Viktor Skripnik übernommen hat, sind diverse Fortschritte und eigentlich kaum nennenswerte Rückschritte im Team zu erkennen. Phasenweise brachte recht guter Fußball (vielleicht der beste seit Jahren) keinerlei Punkte und sogar eine Trainerdiskussion. Seit drei Wochen heißt es dann: Die Formkurve zeigt nicht unbedingt nach oben, aber mit den Punkten läuft es besser denn je.

Gegen Wolfsburg war es ein unfassbarer, nahezu unerklärlicher Glückssieg, gegen Darmstadt allerdings nicht. Da war es ein typischer Sieg im Abstiegskampf (manch einer nennt das gerne „dreckig“), der einiges über Werder durchblicken lässt. Es lohnt sich vielleicht, da nochmal draufzuschauen, auch wenn es schon live über weite Strecken wenig Spaß bereitet hat.

Ich sag’s mit Torsten Frings, was ich sonst sehr selten mache. Der Darmstadt-Trainer analysierte in der Sportschau: „Werder hat in der ersten Halbzeit überhaupt kein Rezept gegen uns gefunden.“ So war es. Nouri hatte sein Team in der offensivst möglichen 4-4-2-Formation in die Partie geschickt, Pizarro rein, Gnabry auf links, Fritz und Junuzovic als Doppelsechs. Offenbar hatte er mit defensiven und destruktiven Darmstädtern gerechnet, die es dann zu bespielten galt. So war es aber nicht. Die Gäste spielten mutig auf, hatten das von Nouri etwas aufgegebene Mittelfeld fest im Griff und kontrollierten Ball und Gegner. Durchaus überraschend, wohl auch für die Bremer Profis auf dem Rasen.

Zentrale Probleme

Werder verlor die Bälle früh, weil Fritz und Junuzovic im Spielaufbau nicht ihre Stärken haben und Darmstadt konsequent und bissig störte. Frings hatte Nouri ausgetrickst, doch verpasste es sein Team, in der Anfangsphase ein Tor zu erzielen. Was man aber auch sagen muss: Je länger die Partie lief, desto schwerer taten sich die Lilien trotz Ballbesitz und guter Spielanlage damit, echte Chancen zu erspielen. Ein Grund, warum das Team Tabellenletzter ist und wohl zu Recht absteigen wird.

Ging die erste Halbzeit noch klar an Frings, glich Nouri in der Pause – mindestens – aus. Seine taktischen Umstellungen griffen allesamt, Werder war jetzt das bessere Team und kam sofort zu klarsten Torchancen, die aber leichtfertig vergeben wurden. Bezeichnend war der Kopfball von Pizarro kurz nach Wiederanpfiff – ich kann mich als langjähriger Werder-Zuschauer nicht an eine ähnliche ausgelassene Torchance des Peruaners erinnern. Läuft nicht bei ihm. An einem Pizarro-Abgesang werde ich mich trotz der schwachen Vorstellung gegen Darmstadt nicht beteiligen.

Kurios war nicht nur der Verlauf des Spiels, sondern auch die Umstände. Werders Problem im Spielaufbau/zentralen Mittelfeld löste sich quasi von alleine, als sich Junuzovic und Fritz binnen kurzer Zeit verletzten und ausgewechselt werden mussten. Sowohl Eggestein als auch Grillitsch machten ihre Sache dann gut, besonders Eggestein war sehr präsent und darf sich als Gewinner des Spiels fühlen – er scheint endgültig im Profiteam angekommen zu sein.

Mit Verlauf und Kruse

Wie schon in den letzten beiden Partien hatte Werder letztlich den Spielverlauf auf seiner Seite – und einen überragenden Max Kruse auf dem Feld. Er kurbelte das Spiel zunehmend aus der Tiefe an, leitete fast jede gute Bremer Szene ein, weil er – im Gegensatz zu den Kollegen – über eine hohe Präzision und ein optimales Timing im Passspiel verfügt. Dass er dann noch vom Elfmeterpunkt die Nerven behielt und in der Nachspielzeit den entscheidenden Konter erst einleitete und dann auch noch cool abschloss, zeigt seine Klasse um so deutlicher.

Ja, Werder hatte gegen Darmstadt das nötige Glück – aber wer gewinnt schon mit viel Pech? Es war aber unterm Strich kein glücklicher Sieg, dafür hat Bremen dann doch zu viel richtig gemacht. Gute Umstellungen des Trainers zur Pause, eine insgesamt ordentliche Abwehrleistung und die am Ende deutlich höhere individuelle Klasse (Max Kruse) haben den Ausschlag gegeben, dass Werder ein solches Spiel gewinnen und sich nun über eine kleine Serie freuen kann.

Wie gut Werder nun wirklich unter Trainer Nouri ist? Schwer zu sagen. Und weder in den null Punkten aus vier Spielen zum Jahresbeginn, noch in den neun Punkten aus den jüngsten drei Auftritten sinnvoll zu bemessen. Am ehesten wohl aus einem Mittelwert alldessen. Nouri hat dem Bremer Spiel ein gewisse Konstanz und einige Fortschritte mitgegeben. Das ist für mich mehr, als ich seit Jahren über Werder Bremen sagen kann. Für den Klassenerhalt kann das durchaus reichen. Auch da hatte ich schon mal weniger Argumente.

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