Fünf Antworten, die sich jeder auch anders selbst geben kann

Am besten, man interviewt sich einfach selber. Zu fünf der Fragen, die Werder-Fans Anfang März 2017, auf Platz  14 der Bundesliga-Tabelle stehend, am meisten umtreiben. Fünf Antworten zur Bewahrung des Ruhepulses, schrägen Bildern, offenen Entscheidungen und der fehlenden Lust, Urteile zu fällen.

Neun Punkte aus drei Spielen – hat sich Werder jetzt „gefangen“?

Ich glaube nicht, dass Werder Bremen sich jemals „fängt“, die Vorstellung ist mir jedenfalls sehr fremd. Denn sie setzt eine Idee von einer Stabilität als Normalzustand voraus, von der ein Team in Krisenphasen abweicht. Diese Stabilität habe ich bei Werder aber eigentlich nie gesehen, nicht mal in den Champions-League-Jahren unter Thomas Schaaf. Schon dort wurden reichlich Gegentore kassiert und Führungen verspielt, was aber zumeist egal war, weil man mit dieser unfassbaren Offensive eben vier, fünf Tore schießen konnte, zur Not auch mal sechs. Die Offensive ist längst weg, geblieben ist die fehlende Stabilität. Egal unter welchem Trainer, es wechseln sich überraschend gute mit erschreckend schwachen Auftritten ab. Spielern wie Clemens Fritz, die schon lange dabei sind, geht doch schon seit Jahren die Semantik aus beim Versuch, das zu erklären. Würde man einen Mittelwert der Bremer Leistungen ermitteln, läge kaum ein Spiel auf diesem Wert, sondern viele weit drunter und einige weit drüber.

Alexander Nouri hat die Kurve gekriegt – wann bekommt er einen neuen Vertrag?

Was Alexander Nouri definitiv erreicht hat: Er hat die Varianz der Werder-Auftritte in recht kurzer Zeit erheblich verkleinert. Von skripnikschen oder duttschen Talsohlen ist Bremen inzwischen ein ganzes Stück entfernt, und das unabhängig vom Gegner. Wahrscheinlich ist es schlichtweg die Kehrseite der Medaille, dass auch die ganz großen Spektakel-Tage rar geworden sind (Skripnik hatte diese z.B. im DFB-Pokal immer mal wieder drauf). Ich bin mir bei Nouri aber weiterhin nicht sicher, ob das Bild von der Kurve das richtige ist. Ich habe eher den Eindruck, dass Nouri und sein Trainerteam relativ konsequent geradeaus steuern, seit sie das Ruder übernommen haben. Den Eindruck einer Kurve vermitteln lediglich die  Punkte, die Werder geholt hat -phasenweise keine, dann viele in Folge. Entwicklung des Teams und der Spieler, Strukturierung des Kaders, taktische Fortschritte, Ergebnisse – all das muss man als Gesamtpaket bewerten, mögliche Alternativ-Ideen hinzuziehen und dann eben entscheiden, ob man Nouri bei Werder eine erfolgreiche Zukunft zutraut, oder eben nicht. Ich finde, dass es dafür durchaus Ansatzpunkte gibt, möchte aber von jedweder Sentimentalität absehen und mich lieber freuen, dass ich nicht Frank Baumann bin und hier weitreichende Entscheidungen treffen muss.

Felix Wiedwald dreht gerade auf – wird er Werders Torwartproblem seit Tim Wiese nun beenden?

Werder Bremens Torwartsituation in der aktuellen Saison ist für mich ein gigantisches Rätsel. Und ein weitgehend ohne Not selbstverschuldetes Problem. Ob man Wiedwald nun für bundesligatauglich hält oder nicht – Werder hat ihn als Nummer 1 in die Saison geschickt, ihn dann früh abgesägt, um in Jaroslav Drobny einen Torwart zu installieren, der sportlich nicht wirklich besser ist. Dass dann durch Verletzungen und Rote Karten immer wieder gewechselt werden musste, ist vielleicht schwarzer Humor des Fußballgotts, es illustriert aber das Dilemma, in das sich Werder selbst hineinrotiert hat. Aus zwei (ich nenne es jetzt mal) durchschnittlichen Keeper macht man keine besseren, indem man sie permanent tauscht und ihnen das Vertrauen entzieht. Dass Felix Wiedwald nun, nahezu aussortiert und in einer gigantischen Stresssituation, seine besten Auftritte für Werder hinlegt, ist sehr bemerkenswert und verdient großes Lob. Daraus aber gleich eine große Zukunft im Werder-Dress abzuleiten, wäre sicher falsch. Über Wiedwald zu sprechen heißt, über die Gesamtleistung und Entwicklung des Keepers seit seinem Wechsel im Sommer 2015 zu sprechen. Auch bei Wiedwald läuft doch im Hintergrund permanent die oben bereits beschriebene Idee des „sich gefangen habens“. Ob die Grundlagen dafür vorhanden sind, weiß ich nicht. Dass Werder den Markt sondiert und im Tor nachbessert (ob nun als Ersatz oder Konkurrenz für Wiedwald) halte ich für ganz normal und auch ziemlich notwendig.

Serge Gnabry spielt so stark – verliert Werder im Sommer doch wieder seinen besten Spieler?

Richtig, Gnabry spielt eine beeindruckende Saison. Ich sage bewusst Saison und nicht Hinrunde, auch wenn seine Leistungen zuletzt etwas schwächer waren. Gnabry ist nicht nur ein junger Spieler, sondern auch ein Mensch, Formschwankungen sind ja normal und zu akzeptieren, Punkt. Überhaupt kann in der Personalie Gnabry nur Positives abgewinnen. Das war ein irrer Transfer von Frank Baumann, völlig egal, welche Rolle nun der FC Bayern dabei gespielt hat oder wie die Modalitäten ausgehandelt waren. Und jetzt spiele Serge Gnabry in Bremen und hilft sportlich massiv weiter. Und wenn er dann im Sommer unbedingt woanders hin will, bekommt Werder Bremen dafür Geld und ist vielleicht sogar noch Bundesligist, da darf der Abschiedsblumenstrauß für den guten Serge ruhig mal etwas üppiger ausfallen. Und bitte keinen Groll gegen den Spieler. Werder ist ein Verein, der eigentlich froh sein kann, überhaupt mal wieder für Topklubs interessante Spieler hervorzubringen. Das spricht ja dafür, dass Werder es insgesamt nicht soooo schlecht macht. Klar ist das bitter, die besten Spieler zu verlieren (Sokratis, de Bruyne, Vestergaard, di Santo, Sternberg [kleiner Scherz]). Aber mal zur Erinnerung: Werder war selbst mal so ein Klub, der sich bei aufstrebenden Vereinen bedient hat. Diese Position hat man selbstverschuldet verspielt. Was sicher Teil des aktuellen Problems ist, was aber andererseits auch nicht dauernd zu beklagen sein sollte.

Claudio Pizarro ist noch ohne Saisontor und oft nur Ersatz – war es das für die Werder-Legende?

Zu den Dingen, die mir wirklich keinerlei Freude machen, gehören Abgesänge auf alte Helden. Noch schlimmer sind Abgesänge auf noch gar nicht so alte Helden. Vor einem Jahr hat Claudio Pizarro, damals 37 Jahre und aus einer schwachen Hinrunde kommend, Werder mit zwölf Rückrunden-Toren in 14 Spielen in der Bundesliga gehalten. Dass nun alles vorbei sein soll, ist schwer vorstellbar. Dass mit 38 Jahren nicht mehr jede Bremer Hoffnung und jeder Bremer Punktgewinn auf einer Pizarro-Gala geplant wird, ist eigentlich auch ein gutes Zeichen. Anders als im Vorjahr gibt es inzwischen anderen Spieler in Werders Offensive, die belastbar sind und Verantwortung zu übernehmen. Serge Gnabry war es in der Hinrunde, Max Kruse hat nun übernommen. Pizarro ist Joker, eine tolle Rolle für ihn – und im Sommer darf der Peruaner dann neu entscheiden, worauf er gerade Lust hat. USA, China, Werder, sonstwas. Kann er alles machen, darf er alles machen. Wird von mir nicht kritisiert – nicht mal, wenn er weiter null Tore schießt und sogar ein Eigentor macht. Und wer Pizarro heute abschreibt, muss sich vielleicht morgen schon revidieren. Allein dafür fehlen mir aber schon Lust und Zeit.

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